Willkommen in Rumänien

 

 

Zum Abitur nach Rumänien

(Auszug aus der BRAUNSCHWEIGER ZEITUNG / Mittwoch, 08.08.2007)


Nino Wanzelius will nach einem Austauschjahr nun auch seinen Schulabschluss in der Ferne machen
Von Ann Claire Richter

Auf keinen Fall nach Amerika oder Australien! Nino Wanzelius wollte in seinem Austauschjahr ein wirklich fremdes Land erkunden – und ging nach Rumänien. Nun hat sich der 16-Jährige entschlossen, dort auch sein Abitur zu machen.

Nur zwei Worte beherrschte Nino auf Rumänisch, als er am 25. August 2006 ins Unbekannte aufbrach: multumesc (danke) und va rog (bitte). "Allerdings habe ich die beiden damals auch noch durcheinander gebracht", meint er grinsend.

Doch das passiert ihm schon lange nicht mehr. "Zu Weihnachten war ich soweit, die rumänischen Lehrer zu verstehen; ab Ostern schließlich konnte ich mich auch aktiv am Unterricht beteiligen", berichtet er. Sein Rumänisch sei "in Ordnung", urteilt Nino. "Nur wenn Gespräche tiefer gehen, fehlt mir das nötige Vokabular."

Mobbing gibt’s nicht

Nino hat in Baia Mare, einer 130 000-Einwohner-Stadt im Nordwesten Rumäniens, eine zweite Familie gefunden und jede Menge neuer Freunde. "Die Rumänen sind eigenartig positiv eingestellt. Selbst Menschen, die nicht so viel Geld haben, sind gut drauf."

Nino gerät ins Schwärmen, spricht von der großen Gastfreundlichkeit, von der Offenheit der Rumänen, von ihrer herzlichen Art. "Auch der Zusammenhalt unter den Schülern ist viel größer als in Deutschland. So etwas wie Mobbing gibt’s da nicht. Hier in Braunschweig habe ich das durchaus erlebt."

Ninos Austauschjahr wurde von der Organisation Youth for Understanding (YFU) betreut.

.....
Mit einem Einführungsseminar macht die Organisation die Austauschschüler fit für das Leben fern der Heimat. "Wir erfuhren einiges über die Geschichte Rumäniens und wie das Land wirtschaftlich dasteht. Und wir haben uns mit den Schattenseiten des Landes auseinander gesetzt und somit auch einiges über die Roma-Problematik erfahren."

Nach der Theorie hat Nino nun also die Praxis kennen gelernt. "Bei vielen der rund 20 Millionen Rumänen zählen die 2 Millionen Roma nicht. Die meisten leben auf der Straße, werden ausgegrenzt", berichtet der 16-Jährige. Allerdings, so räumt er ein, hielten die Roma auch selbst ganz bewusst Distanz. "Ich würde ihre Kultur gerne näher kennen lernen, aber man kommt da nicht ran", bedauert der Schüler.

Nino hat einen enormen Unterschied ausgemacht zwischen dem rumänischen Leben in der Stadt und auf dem Dorf. "Die Bauern leben in urtümlichsten Verhältnissen. Tradition wird groß geschrieben: mit Trachten zum Sonntagsgottesdienst und volkstümlicher Musik bei Festen."

.....
Nino weiß, dass es sehr reiche Rumänen gibt, aber umso mehr weniger betuchte. "Aber auch die kommen klar. Es funktioniert irgendwie." Seine Gastfamilie schlägt Nino der oberen Mittelschicht zu. "Sie haben einen Schrotthandel, ein großes Haus, drei Autos", erzählt er. Sein Gastbruder hat ebenfalls ein Auslandsjahr hinter sich: in Deutschland. Die Gastschwester lebe derzeit für ein Jahr nahe Wolfenbüttel. "Meine Gasteltern sind sehr offen."

Bald wird Nino zu seinem zweiten Jahr in Rumänien aufbrechen. In einem Jahr schon kann er das Abi machen. "Mir ist es ein großes Anliegen, anderen Schülern aufzuzeigen, dass es neben den üblichen Wunschzielen auch andere spannende Länder gibt", meint Nino.

Und was eigentlich sagen Ninos Eltern dazu, dass der Sohn nun bald wieder entschwindet? "Die sind stolz, dass ich diesen Schritt wage."

Mittwoch, 08.08.2007


Ein Praktikum in Rumänien

Vom 3. Mai bis zum 3. August 2000 hatte ich die Möglichkeit, ein Praktikum bei unserer Partnerorganisation in Rumänien zu machen. Als ich Anfang Mai in den Zug stieg, hatte ich schon viel Reiseliteratur gelesen, hatte aber in bezug auf dieses Land noch immer kein Bild vor Augen. Wie ein weißes Blatt Papier fühlte ich mich. Und es sollte sich erst nach und nach Zeile um Zeile ein Bild von Rumänien zusammenfügen. Wie ein Puzzle setzte sich für mich mein Rumänienbild zusammen. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, wie sich das Leben in einem Land wie Rumänien abspielt. Wenn ich an Europa dachte, dann war Rumänien immer das vergessene Land. Bis jetzt.

BUCURESTI - BUKAREST

Der rumänischen Herzlichkeit und Gastfreundschaft habe ich die wunderschönsten Erlebnisse zu verdanken. Nach einer 40 stündigen Zugfahrt wurde ich am Bukarester NORD-Bahnhof in Empfang genommen. Die Zugfahrt war eigentlich sehr interessant, denn sie verläuft durch Prag, Bratislava und Budapest.

...

Von Bukarest aus konnte ich ganz Rumänien erkunden, überall in ganz Rumänien hatten sich ehemalige Austauschschüler und ihre Familien zur Verfügung gestellt, mich bei sich aufzunehmen für einige Tage oder Wochen, um mir ihren Teil von Rumänien und der YFU-Organisation zu zeigen.

Laura ..., Mihnea ... (Sohn eines berühmten rumänischen Sängers), Bianca, Adina ..., Maria ..., Michael und die anderen Bukarester YFUler trafen sich oft in der Kneipe LA MOTOARE (BEI DEN MOTOREN) über dem Nationaltheater, und dort saßen wir bei Jazz oder Freilichtkino und genossen den Sonnenuntergang, den Blick auf die Stadt und unterhielten uns über Rumänien und die Gründe, warum keine Austauschschüler nach Rumänien kommen möchten.

SIBIU - HERMANNSTADT

In Sibiu wohnte ich bei Kiki ... und ihrer Familie. In Deutschland bin ich bereits einige Zeit Kikis Betreuerin gewesen, und in ihrer Schule, dem Pädagogischen Kolleg für Deutschlehrer, fühlte ich mich bald sehr heimisch. Zum Teil kommen die Lehrer aus Deutschland, und das Niveau an den rumänischen Schulen ist sehr hoch. Und so konnte ich auch an einer Schulklassenfahrt nach Daia teilnehmen, die fast genauso abläuft wie eine Klassenfahrt in Deutschland, mit Selbstverpflegung, Projekten und Diskussionen. Und wenn man in letzter Zeit das Buch DER GEKÖPFTE HAHN von Eginald Schlattner in den Buchhandlungen stehen sieht, dann kann man ihn einfach besuchen, denn er wohnt gleich hinter dem Berg, der sich hinter Daia emporhebt.

...

Gerade in Sibiu, zu deutsch Herrmanstadt, merkt man die deutschen Einflüsse. Da gibt es Lesungen für die Kinder in deutsch, der Bürgermeister ist deutsch und das Deutsche Forum lädt regelmäßig zum deutschen Fest. Und außerdem kann man von Sibiu aus ganz toll in die Karparten zum Wandern fahren.

CLUJ - KLAUSENBURG

Cluj ist eine typische Universitätsstadt, und ich genoss das Studentenleben in der WG von Marian ... und das wundervolle Familienleben bei Adina und Mona ....

...

An der hiesigen Universität ist der älteste Lehrstuhl für Höhlenforschung untergebracht, und Christina ..., die Tochter des Lehrstuhlinhabers, ehemalige Austauschschülerin in der Schweiz, machte es möglich, dass ich an einer Wanderung durch die Karparten teilnehmen konnte und so mehrere Höhlen der Karparten besichtigte außerhalb der touristischen Pfade und dadurch Naturwunder zu sehen bekam. Da war zum einen die BÄRENHÖHLE, dann die EISHÖHLE und PONORULUI, die Höhle mit dem unterirdischen See. ... Das ländliche Leben in den Bergen ist ein starker Kontrast zum Leben in der Stadt. Kein Strom, kein fließendes Wasser in den Bergdörfern. Dafür nette Bauern, die uns Milch und Käse gaben, ohne etwas dafür zu verlangen.

...

CONSTANTA - KONSTANTZA

In Constanta, der Stadt am Schwarzen Meer, in die seinerzeit Ovid verbannt wurde, wohnte ich bei Laura ... und ihrer Familie. Und hier geriet ich so richtig in Urlaubsstimmung. Strahlender Sonnenschein, blauer Himmel, kühles Wasser, keine Touristen. Mitten im Sommer Bilder von einem menschenleeren Strand.

...

BRASOV - KRONSTADT

In Brasov besuchte ich ... Dragos ... und seine Familie, der ebenso wie Laura und Maria gerade aus Deutschland zurückgekehrt ist. Wir fuhren auf die Burg BRAN (TÖRZBURG), dem sagenumwobenen Draculaschloß, konnten jedoch keine Vampire entdecken. Da es jedoch einer der wenigen Regentage war, hatte der Tag doch etwas Unheimliches.

...

Mit Gabi ... besuchten wir dann die älteste rumänische Schule. Und natürlich darf bei einem Besuch in Brasov die neurestaurierte Biserica NEAGRA (SCHWARZE Kirche) nicht fehlen. Auch hier gibt es ein deutsches Gymnasium. Aber der quadratische Marktplatz mit seinem in der Mitte plaziertem Rathaus und Museum und den diversen Springbrunnen erweckt den Eindruck, als ob hier immer Ferien sind, denn alle Straßencafes waren gut besucht von zeitungs- und bücherlesenden Menschen.

In der Nähe von Brasov habe ich die Ruhe des Klosters Sambata de sus genossen. Religion spielt in Rumänien eine wichtige Rolle. Die meisten Menschen sind orthodox und man kann fast von einer Nationalreligion sprechen.

...

Und natürlich auch hier die Möglichkeit, die Karparten von ihrer schönsten Seite kennen zu lernen. Aber wenn man wandern möchte, dann braucht man in Brasov nicht weit gehen, denn mitten in Brasov ist ein Berg, die Zinne auf deutsch, die auch erstmal erklommen sein will. Wer die schöne Aussicht auf die Stadt geniessen möchte, kann auch die Kabinenseilbahn nutzen, wenn er nicht so verschwitzt wie wir im Cafe auf dem Berg sitzen möchte.

...

Und wenn man schon in Brasov ist, dann ist SINAIA nicht weit. Hier befindet sich das Schloß des rumänischen Königs (PELES), ein Kleinod im Fachwerksstil. Zum Abschied schenkte mir die Mutter von Dragos leckeren selbstgemachten Sonnenblumenhonig, der mich immer an die Weite der Landschaft Rumäniens erinnert und an die riesigen gelben Sonnenblumenfelder.

SIGHISOARA - SCHÄSSBURG

Die letzte Station meiner Rumänienrundreise war das Sighisoara Silvius ... Die ganze Stadt, und besonders die berühmte Burg, wurde von jungen Leuten aus dem ganzen Land belagert, denn das Festival der mittelalterlichen Kunst, das eigentlich das größte Rockfestival im Land ist, zieht jedes Jahr die Jugend Rumäniens magnetisch an. Und so war es fast normal, dass wir im Zugabteil, das eigentlich für 6 Leute konzipiert ist, mit 14 Leuten und 14 großen Rucksäcken saßen und lagen. Kaum angekommen, bemalt man sich Arme und Gesicht mit Farbe und zieht von Konzert zu Konzert und genießt den Sommer. Man sitzt zusammen und spielt Gitarre. Und natürlich dürfen Konzerte von Vama Veche, Ducu Berzi und Nicu Alifantis nicht fehlen.

...

AUFRÄUMEN MIT DREI ALTEN VORURTEILEN

Die drei Monate waren angefüllt mit großen und kleinen Erlebnissen.

...

Erstes Vorurteil: Rumänien ist weit weg uns exotisch. Für mich entscheidend war, dass ich in ganz normalen rumänischen Familien wohnte, mit ihnen den Alltag genoss und feststellte, dass Rumänien wirklich noch Europa ist, und nicht so exotisch, wie es sich manche Leute vorstellen. Die Jugendlichen gehen abends ins Kino, in die Disco oder in Konzerte. Anschließend sitzt man zusammen in einer der vielen Kneipen und unterhält sich. Die Abende erinnerten mich schon an Abende in Deutschland mit meinen Freunden, zumal ich auch das Gefühl hatte, viele der rumänischen YFUler schon ewig zu kennen. Und auch die Sprache erschließt sich sehr schnell, ich fühlte mich nie fremd oder allein. Für jeden zukünftigen Austauschschüler, der vielleicht bereits eine romanische Sprache beherrscht, dürfte das Erlernen der Sprache ein leichtes sein.

...

Das Bild, das die Medien zeichnen, stimmt nur teilweise. Wer in Rumänien versucht, den deutschen Lebensstandard zu finden, wird enttäuscht sein. Wer durch Rumänien mit offenen Augen läuft, wird dort nicht nur eine herrliche Landschaft findet, die Berge, Schwarzes Meer und Donau vereint, sondern Menschen, die man lieben lernt.

Ich konnte gar nicht genug von der rumänische Küche bekommen. Mir läuft jetzt noch das Wasser im Munde zusammen, wenn ich an Salatsuppe, Polenta, Placinta oder Auberginensalat denke. Die Märkte mit ihren Melonenstapeln, den frischen Gurken und Tomaten, Pflaumen und Birnen. Und ich muß lächeln, wenn ich daran denke, daß meine Freunde für mich zum Abschied care-Pakete packten, damit ich auch nicht verhungere. Rumänien als Diätland? Wohl eher das Gegenteil.

...

Und kein Austauschschüler in Rumänien wird Angst haben müssen, hier zu verhungern. Im Gegenteil, eine gesunde, abwechslungsreiche Küche, die sich an den Jahreszeiten orientiert, wird ihn erwarten. So viel zum ersten Vorurteil, dass man in Rumänien hungern muss, und auch hier wird eher das eintreten, was fast jeden Austauschschüler trifft - eine Gewichtszunahme.

Nun zum zweiten Vorurteil, dass Rumänien so arm ist. Die Menschen leben anders als in Deutschland. Das soziale Netz, für uns fast selbstverständlich, konnte sich in Rumänien nicht so entwickeln, denn die Folgen, die der Nationalkommunismus hinterlassen hat, sind fast unüberschaubar. Und einige Menschen fallen durch das Netz, vor allem Alte, Behinderte und Straßenkinder. Und hiervon handeln dann die Reportagen, die im Fernsehen ausgestrahlt werden.

...

Und doch wissen alle, dass es noch Jahre dauern wird, bis das Land die Vergangenheit aufgearbeitet hat und die Gegenwart meistern kann.

Und dann ist ja das Ziel die EU. Und in der Zukunft wird es wohl auch so kommen, denn Rumänien ist europäischer, und von seiner Geschichte her deutscher, als man denkt. Und dann ganz häufig ein drittes Vorurteil. Die Kriminalität. Ich war dort 3 Monate, bin kreuz und quer durch das ganze Land gereist. Und mir ist nichts passiert, mir wurde nichts gestohlen, ich bin nachts allein durch Bukarest gelaufen. Ich habe mich noch nie so sicher gefühlt, und ich bin nicht gerade risikounfreudig, denn auch ich habe auf ein weitverbreitetes Fortbewegungsmittel zurückgegriffen, das Trampen. Keine plündernden Zigeunerbanden. Im Gegenteil, die Zigeuner aus Bukarest, die bei mir gegenüber des Hauses auf einem Tennisplatz bewohnten, haben mir immer schöne Lieder gesungen und haben mit ihren Feiern und Akkordeons das ganze Haus unterhalten.

FAZIT

Vielleicht hilft meine Reise, dass manchen zukünftigen Austauschschülern und ihren Eltern die Entscheidung leichter fällt, ihr Jahr in Rumänien zu verbringen, denn dort gibt es eine YFU - Organisation, die eher an eine große Familie erinnert. Die Betreuung wäre erstklassig, und das Land hat soviel zu geben. Und das rumänische YFU hat es verdient, dass der Austausch endlich beiderseitig wird. Ich denke, dass die Vorurteile haltlos sind, und ich bin allen YFUlern in Rumänien dankbar für diese 3 Monate... Ich habe mich regelrecht in dieses Land und die Menschen verliebt. Und ich fahre nächstes Jahr wieder nach Rumänien, und meine Eltern auch. Und bald auch Austauschschüler?

Katrin LANGE / YFU-DE

P.S. Wenn ich dein Interesse für ein Austauschjahr in Rumänien geweckt habe, bewerbe dich vorbehaltlos beim DEUTSCHEN YOUTH FOR UNDERSTANDING Komitee e.V. (http://www.yfu.de oder http://www.yfu.de/EP/index.html)